hinna gans
mannes häas
henge hunnat
hemba räas
hunnat hemba
henge räas
hinna gans
mannes häas
beaste räas

  Rezensionen, Kritiken, Meinungen, Anmerkungen


un asch - asch wollt of roawe fläie
   
und ich - ich wollte auf Raben fliegen
de sunn noff medde ii´s gesischd
   
der Sonne hinauf mitten ins Gesicht
wollt masch met miaweln kräie
   
wollte mich mit Maikäfern kriegen
sunndoags im oowedlischd
   
sonntags im Abendlicht
un wollt nooschds zöu balduas ea
   
und wollte nachts zu Baldurs Ehr
d´n moond of schdange traa
   
den Mond auf Sstangen tragen
un merra nachtigal un merra fee
   
und mit einer Nachtigal und einer Fee
d´n himmel selwerisch beschdraa
   
den Himmel silbrig bestreuen

Aus: Gemorje Hinnerland, (LP) Quadriga Ton, Frankfurt 1984


„Lieber Herr Sänger, es tut mir leid, dass ich Ihr Manuskript wieder zurückschicken muß, aber lyrischer Sekt und süßsaurer Äbbelwei vertragen sich nun mal nicht in einem Verlag zusammen.“ - Karl-Brodhäcker-Verlag, Ulrichstein. „Dem Herren waren die Lyrik und die Burlesken in mittelhessischer Mundart nicht geheuer.“ - Oberhessische Presse, Marburg. „Es gelingt dem Autor mit sparsamen Strichen ein erstaunlich differenziertes Bild von diesem Hinterland zu skizzieren; von den Stimmungen der Landschaft, von der Arbeit auf dem Bauernhof und in der Fabrik, von der Arbeitslosigkeit, von den Möglichkeiten einer Selbstverwirklichung im Dorf, von der sozialen Kontrolle, den Machtgelüsten, den Ängsten und Aggressionen. Es sind dies Gedichte, die in ihrem subtilen Rhythmus, in ihrem Klangreichtum und in der Bildkraft der Landschafts- schilderungen einen hohen poetischen Reiz haben.“ - Norbert Feinäugle, Reutlingen. „Sänger versteht es, einfühlsam, ja liebevoll, aber doch ohne Pathos der überschwänglichen Begeisterung Stimmungen einzufangen. Sprache, das wird hier sehr schön deutlich, vermag auch dann, wenn sie gefaßt ist in geschriebene Worte, einen engen Bezug zur Wirklichkeit herstellen.“ - Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung, Marburg. „Sängers Sprache ist nicht die Sprache des Alltags. Seine Sätze, Bilder und Reime sind Extrakte. Manchmal deutet ein einziges Wort einen ganzen Gedanken an.“ - Karl Schmitt, Hinterländer Anzeiger. „Kurt Sängers Sprache, seine Sätze, Bilder und Reime wirken wie eine Lupe: Sie vermögen Dinge, die leicht über-
sehen werden, hervortreten, in ihren Konturen begreifbar werden zu lassen. Sie vermögen, ins rechte Licht gesetzt, wie ein Brennglas zu wirken.“ - Heinrich Dingeldein, Forschungs-
institut für Deutsche Sprache, Marburg.
„Eine wirkliche Entdeckung aber ist die Gruppe Odermennig (s.u.), die die Form des Melodrams wiederbelebt, indem sie ihre stimmungs-
lyrischen oder satirischen Texte zu Gitarren- oder Harmonikamusik vorträgt.“ - Dore Struckmeier - Schubert, Frankfurter Allgemeine Zeitung. „Plattengejammere! Seit 39 Jahren bin ich Redakteur im Hessischen Rundfunk und beschäftige mich in erster Linie mit volkstümlicher Musik. Diesen Seif in diese Kategorie einreihen zu wollen, zeugt von einer unglaublichen Unkenntnis. Das Gejammere hat weder mit volkstümlicher Musik noch mit anhörenswerter Musik zu tun.“ Franz Röger, Hessischer Rundfunk, Unterhaltung. „Dieser Versuch ist großartig gelungen. Da ist nichts zu vernehmen von jener Heimat- Tümelei, mit der Mundartdichtung sich oft selbst ins Abseits verweist. Ganz erstaunlich, was der Dialekt dazu beitragen kann, worauf wir also verzichten, wenn wir uns dieser Klangmöglichkeiten begeben.“ - Klaus Klöckner, Hessischer Rundfunk, Schulfunk. „Man versteht nichts! Ist das Hessisch?“ - Thomas Klee, Hessischer Rundfunk, sunday express. „Kurt Sängers Gedichte - Sammlung gehört zu den großen Dialektpoesie-Ereignissen dieser Zeit. Das sind ganz einfach Texte, das ist eine wichtige Sammlung von stillen Wörtern, von Pflau-
menbäumen und von schwarzweißen Regenbögen. Das sind anklagende und mitfühl-
end-poetische Verse von Arbeit, Brot und Armut, von Suff, Geschrei und von Außen-
seitern. Das ist Poesie im Dialekt.“ - Hans Haid, Internationales Dialektinstitut, Wien.


        schwortswaise raabooche
         
schwarzweiße Regenbögen
        sische noo foarwe
         
suchen nach Farbe
        im grooe lischd
         
im grauen Licht
       
        foo wait häa
         
von weit her
        brabbelt ma de weand
         
prabbelt mir der Wind
        zoarte liiwesgeschischdscha
         
zarte Liebesgeschichten
        soiselt ma hoffnung
         
säuselt mir Hoffnung
        noo prallbuntem leewe
         
nach prallbuntem Leben

        un fengt sisch doch im
         
und fängt sich doch im
        schdeachelischde deanagebisch
         
stacheligen Dornengebüsch



„Dank dafür, daß die Gruppe Odermennig ihrer Heimatsprache eine neue Bestimmung im künstlerischen Bereich zugeführt hat. Was früher bestenfalls zum Humor im Büttenredenstil taugte, ist nun zum Spiegel des realen Lebens geworden.“ - Wiesbadener Wochenblatt. „Bedächtig aufbauende Klavierakkorde intonieren den gemessenen Schritt des Landman-
nes, artikulieren seine melancholische und fast verbitterte Reaktion auf die Härte seiner Existenz, bis der kontrapunktierende Metal -Sound des Saxophons abhebt aus den Moll-
tönen und aus den Tiefen der Depression. Der schwärmerische Ausflug egalisiert die dumpfe Verschlossenheit, setzt die Vitalität der Natur dem Frust des Alltags entgegen.
Die einfühlsame musikalische Begleitung gründet auf phlegmatischen Rhythmen und ver-
sucht nicht nur die begrenzten instrumentalen Möglichkeiten früherer Zeit nachzuvoll-
ziehen. Eine in sich nur in vorsichtigen Tonsprüngen bewegende Melodie begleitet dabei den meist rezitativen Gesang, bis die aus dem Hintergrund heraufwachsende zweite Instrumentalstimme die geweckten Emotionen sanft, aber bestimmt fortträgt. Fast fühlt man sich an fernöstliche Meditationsmusik erinnert.“ - Frankfurter Allgemeine Zeitung. „Die Texte sind zeitbezogen und sollen durch eine plastische Darstellung der Alltagswelt bei den Zuhörern kritische Reflexionen auslösen.“ - Darmstädter Echo. „Die Sprache ist konkret, musikalisch und bilderreich, und der Autor legt Wert auf Verwendung eines ausgewählten mittelhessischen Wortschatzes, der der Basismundart noch sehr nahe steht, meist sogar mit ihr identisch ist. Neben subjektiven Stimmungseindrücken stehen viele andere, meist soziale und psychologische Themen, im wesentlichen Gedichte der modernen Protest-
richtung. Manchmal betont der Autor vielleicht etwas zu sehr das Episodenhafte, doch hat die Straffheit des Gesamtaufbaus in den Gedichten und Liedern nicht gelitten.“ - Hans Friebertshäuser, Forschungsinstitut für Deutsche Sprache, Marburg. „Der Dialekt wird hier nicht verstanden als sprachliche Variante, mittels derer deutsche Texte zur Verwendung in der Rock- und Bluesmusik geschmeidig gemacht werden sollen, sondern er wird als Merkmal einer Region zur Schilderung derselben verwandt.“ - Express Marburg.


mool oogenumme mia deere
aach mool ooneamme mia
härre aach emool woas
oozeneamme - mool oogenumme
da deere däi doch groat
ooneamme mia härre eds aach
emool woas oogenumme
mool su oogenumme - äawwa
mia neamme brinzipjell jo näad oo 

Anmerkungen zur Literatur im Dialekt

Gerhard Rühm:
"wir haben den dialekt für die moderne dichtung entdeckt. was uns am dialekt interessiert, ist vor allem sein lautlicher reichtum (besonders im wienerischen), der für jede aussage die typischen nuancen findet. selbst ein einziges wort kann in verschie-
denen tönungen auftreten, also individualisiert sein (wir versuchen dies, soweit es mit 26 buchstaben möglich ist, durch eine phonetische Schreibung darzustellen), während in der "schriftsprache" - der dialekt ist eine "gesprochene sprache" - jedes wort objektiviert und starr erscheint (aber gerade von der erkenntnis dieser "starre" der einzelnen worte sollte die neue "gehobene" dichtung ausgehen, bieten sie sich doch so in form kompakter bausteine an). der surrealismus, der sich stets auf das unbewusste beruft, hat die nicht unwesent-
liche tatsache übersehen, dass der dialekt in unserem "täglichen" denken und daher auch in unserem unterbewusstsein eine eminente rolle spielt. seine wirklichkeitsnähe und unmittelbarkeit des ausdrucks schliesslich lässt die chance, durch neue gegenüberstel-
lungen der worte eine verfremdung und damit eine neuwertung derselben zu erzielen, besonders hoch erscheinen. so glauben wir, dem dialekt ganz neue seiten abzugewinnen."

Aus: Die Wiener Gruppe - Texte, Gemeinschaftsarbeiten, Aktionen. Hrsg.: Gerhard Rühm, erweiterte Neuausgabe, Rowohlt Verlag, Hamburg 1985 (ISBN 3-498-07300 1).

Tipp-Ex-Text-Montage "Strukturwandel"
Konkrete Poesie im Hinterländer Platt 1986



















wu weate da dn haawaa nit hi hu - hä?
Wo willst du denn den Heuwagen nicht hin haben - hä?

Noogugge - Nachschauen

Konkrete Poesie - In der Konkreten Poesie dient die Sprache nicht mehr der literarischen Beschreibung eines Sachverhaltes, eines Gedankens, einer Stimmung oder eines Poems, sondern die Sprache selbst wird zum Zweck des Gedichtes. Sie stellt sich selbst als literarisches Mittel dar. Die Wörter und Zeichen werden aus dem Kontext der Sprache herausgenommen und dem Leser oder Betrachter "konkret" und für sich selbst stehend als phonetische Gestaltungselemente dargestellt. Besonders in der modernen Dialektdichtung, so auch in der Wiener Gruppe, wurde der Konkreten Poesie experimentell entlang dem lautlichen Reichtum der Dialekte literarische Bedeutung beibemessen.

Fernand Hoffmann: "Mundart- oder Dialektliteratur ist in erster Linie Literatur. Das bein-
haltet, daß sie mit keinen anderen als den allgemein üblichen und akzeptierten literar-
ischen Maßstäben gemessen und beurteilt sein will. Gesellschaftskritische Hellsicht und politische Relevanz sind keine literarischen Formkriterien.Wenn sie auch nicht belanglos sind, so kommt ihnen trotzdem nur subsidarische Bedeutung zu. Und auch wer Heimat-
verwurzelung, Bodenständigkeit und Volksverbundenheit, Volkstümlichkeit und Volksnähe - bei aller Bedeutung, die solchen Aspekten zufallen mögen, wenn einmal die Grundbe-
dingung des Anspruches auf Wortkünstlertum erfüllt sind - höher bewertet als literarische Qualität, leistet letztlich der Dialektliteratur einen schlechten Dienst. Von entgegenge-
setzten Seiten herkommend, führen beide Wege doch zu demselben Ziel, nämlich mitten hinein ins folkloristische Reservat, in die Unverbindllichkeit des Heimat- und Naturschutz-
parks. Ins Getto. Ob Sprache der unterdrückten, stummen Massen oder echtester und unmittelbarster Ausdruck der Volksseele, wer den Dialekt aus welchen Gründen auch immer vom Anspruch des Formalen dispensiert, ob Heimattümler oder Politbarde, macht das Spiel der Gegner des Dialektes. Insgeheim negiert er den Anspruch der Mundart auf Vollwertigkeit, indem er auf seine Weise dem Dialekt gerade in dem Bereich das Wort abschneidet, wo er ihm Geltung verschaffen will: in der Literatur."



                                              wenn hunde hunde hören
                                              wann hunn hunn hunn

                                              wannemool mieh
                                               
wenn einmal mehr
                                              de hunn
                                               
die hunde
                                              de hunn
                                               
die hunde
                                              hunn döu
                                               
hören tun
                                              da hunn
                                               
dann hören
                                              de hunn
                                               
die hunde
                                              de hunn
                                               
die hunde
                                              werramool mieh
                                               
wieder einmal mehr
                                              wäi de hunn
                                               
wie die hunde
                                              merrenee
                                               
miteinander
                                              läare
gäadse
                                                laut gautzen (bellen)
                                             
groat suu
                                               
gerade so
                                              alls wellte se
                                               
als wollten sie
                                             
bolledik mache
                                               
politik machen
                                              huschemool hieh
                                                hör mal hin



Noogugge - Nachschauen

Fernand Hoffmann ( 1929 - 2000 ), Auszug aus dem Vorwort zu "Überlebenszeichen", Textband zum Folk- und Volksmusikfestival, Reinprechtspölla / Eggenburg 1984, Hrsg.: Internationales Dialektinstitut Wien 1986. Hoffmann war ein Luxemburger Pädagoge, Schriftsteller und Sprachwissenschaftler. Gründungsmitglied des Internationalen Dia-
lektinstitutes in Wien, Mitglied des Wissenschaftlichen Rates des Institutes für Deu-
tsche Sprache in Mannheim.

 
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