hinna gans
mannes häas
henge hunnat
hemba räas
hunnat hemba
henge räas
hinna gans
mannes häas
beaste räas



Kurt Werner Sänger
- Geboren im Sommer 1950 in Gönnern, einem Dorf im Hinterland, dem Breidenbacher Grund im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Kleinbäuerliche Lebenswelten in geduckten Stuben und Ställen formen Denken und Sprechen, wird der mittelhessische Dialekt des Hinterlandes, das Hinterländer Platt, zur ersten erworbenen Sprache des Autors und zum literarischen Grenzgang einer Heimatdichtung zwischen Alptraum und Sehnsucht.

Die Texte folgen nicht dem Sinne konservativen Be-
wahrens von Sprache als musealer Reflex auf sich kulturell ändernde Wirklichkeiten. Der Dialekt gilt dem Autor einzig als literarisches und authentisches Merk-
mal dörflicher Figuren und Bilder. Es ist eine Poesie der Kenntlichkeit dörflichen Lebens, seelischen Spiegelungen und deren Brüchigkeiten. Damit ist der Autor seiner Heimat näher als der populistisch-museale Gebrauch derselben, der oft im romantischen Idyll einer sogenannten guten, alten Zeit retrospektiv daherkommt, wenn auch mit medialem Zauber geschmückt, so doch im falschen Bild zwischen saurem Wein und seifigem Handkäs.
 
Foto: Malte Sänger, Sommer 2006


Anmerkungen zu einem deutschen Begriff
Versuch einer Annäherung
   
Heimat - ein Ideologem? Bei Lichte besehen ein vordemokratisches und konservativ-ideologisches wie restauratives Kitschbild der Romantik, das mit der Wirklichkeit von Heimat so wenig zu tun gehabt hat wie der Versuch, im Nachhinein aus einem Lauter-
bacher Käse noch einen Französischen Camembert zu machen. Ein Strolch, der sich dabei Böses denkt.

Das nicht mehr existente vorindustrielle Dorfleben in allen seinen kulturellen Facetten wird indessen außerhalb der gegenwärtigen gesellschaftlichen Zusammenhänge noch in der Brauchtumspflege wie in musealen Traditionsveranstaltungen glorifiziert als ein kulturelles Leitbild, das nur noch relikthaft ein idealisiertes Gesellschafts- und Menschenbild im Sinne einer "Binnenexotik" ( Hermann Bausinger ) darstellt. Aber der "Arbeitsplatz Dorf" ist aus-
gestorben wie das ihn tragende dialektale Leben. 

Doch wird eine so verstandene "Sonntagsheimat" ( Walter Jens ) erneut in ein Wolken-
kuckucksheim und zur folkloristischen Butzenscheibenromantik reanimiert, umgelogen und politisch mißbraucht, besonders in Krisenzeiten, und als "Heile-Welt-Versprechen" ideo-
logisch gegen die Widrigkeiten der Gegenwart gesetzt, besonders und gerade in der tradi-
tionellen Mundartdichtung, die im Rückgriff auf eine sogenannte "gute, alte Zeit" Heimat selektiv verklärt. Danach begründet Heimat sich eher entlang am deutschen Idyll einer elek-
trischen Modelleisenbahn mit Fallerhäuschen und Jägerzaun aus versunkenen Kindheits-
tagen als an der konkreten Wirklichkeit. Diese Heimat riecht nach gedämpftem Kohl-
gemüse, UHU-Leim und Kernseife.


Wer seine Heimat nur museal-retro-
spektiv und als bereinigte Idylle beschreiben kann, der hat sie schon aufgegeben und nimmt den Verzicht auf künftiges Gestalten von Heimat billigend in Kauf ( Klaus Klöckner ). Dialektkultur indessen muss sich im Alltag der Gegenwart darstellen und messen lassen, nicht als sprachliches Museum, nicht als Nostalgie-Trip, will sie überleben und morgen auch noch ein Wörtchen mitreden wollen.

Und Heimat, das kann ja schon eine Kneipe sein, ein Fußballverein oder ein Stadtviertel, ein Hinterhof. Es kann aber auch eine Landschaft sein, ein Dorf, eine Stadt, ein Flecken Erde, in den man hineingeboren worden ist mit all seinen historisch gewachsenen kulturellen Merkmalen und eigenständigen kollektiven Entwicklungen, die individuell einem jeden in die Wiege gelegt worden sind. Wie weit ein jeder seinen individuellen Heimatbegriff fasst, sei es als offener Weltbürger oder als Provinzler in bodenständiger Enge, stets ver-
knüpft er doch seinen Heimatbegriff mit seinem unmittelbaren Lebensumfeld, von Nähe und Vertrautheit mit allen Wagnissen und Widersprüchen. Danach muss Heimat nicht auf einen geografischen Ort bestimmt sein, man kann ihn aber individuell wie kollektiv besitzen.

Aber Heimat kann auch eine lebensgefährliche Angelegenheit sein, wirft man einmal die Rückseite der romantisch schillernden Heimat-Medaille auf den Schanktisch der Ge-
schichte. Da wird "im Namen der Heimat" vertrieben, ausgegrenzt, gemordet und geraubt. Wem also "gehört Heimat" - wem nicht? Wer "besitzt Heimat" - wenn nicht im Grundbuch eingetragen? Hat der, der zur Miete wohnt, demnach Heimat? Merkwürdig auch, dass den Emigranten, die vor den Verbrechen der Nazis aus ihrer Heimat ins Exil flüchten mussten, niemals ein politischer Status als Heimatvertriebene zugebilligt wurde, den man den Ver-
triebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten im Nachkriegsdeutschland politisch und rechtlich zusprach. Das böse und verlogene Wort vom "heimat- oder vaterlandslosen Gesellen" stinkte und moderte noch aus dieser Gruft heraus - bis weit in die Gründerzeit der Bundesrepublik. Und braucht diese Heimat eine Fahne? Max Frisch hat sich noch 1971 darüber den Kopf zerbrochen. In Wahrheit ist es die Fahne nach acht Pils, die den Heima-
strategen aus dem Wirtshaus vorausweht. Deren köpferne Enge macht Heimat dann gal-
lig. Doch Heimat hat eines ganz sicher und immer: Eine Sprache, aus der man nicht ver-
trieben werden kann.

Da ist es geboten, auch jenseits dieser besoffenen Heimat mit rauen, stillen Wörtern den heimatlichen Vers zu schmieden und dem Suff wie dem Geschrei die Aufmerksamkeit zu leihen. So gehen die Wörter aus vom Geschwätz der Mäuler in den Gassen, von Augen
und Mädchen, von Pflaumenbäumen und vom verrückten Wilhelm, von Gesichtern aus den Erzgruben des Schelderwaldes, von Gesichtern der Armut und Geduld, und sie sprechen von Raben, vom Geschmack des Wassers und vom Licht der Mittagshimmel über schiefen Äckern, sie sprechen von daheim - von "Heimat" sprechen sie nicht.

                         

                           deheem
                              Daheim
                 

                           weata
                             
Wörter
                           räawe, schdelle
                             
raue, stille
                           weata
                              Wörter
                           geschwädds
                             
Geschwätz
                           aache
                             
Augen
                           määrascha
                             
Mädchen

                           kwätschebeeme
                             
Pflaumenbäume
                           de narrischd willäm
                             
der verrückte Wilhelm

                           gesischda
                             
Gesichter

                           grooe gruwwegesischda
                             
graue Grubengesichter
                           moire hettegesischda
                             
müde Hüttengesichter
                           BUDERUSgesischda
                             
BUDERUSgesichter

                           gedellischde gesischda
                             
geduldige Gesichter

                           roawe
                             
Raben

                           geschmak foom wassa
                             
Geschmack vom Wasser
                           un e geweasse foarwe
                             
und eine gewisse Farbe
                           im medoagshimmel
                             
im Mittagshimmel
                           äawwa scheabe aikan
                             
über schiefen Äckern

                           deheem
                             
daheim

                           HEIMAT - kenn asch nit
                             
HEIMAT - kenne ich nicht



Deam Foks sain Duud - Reinekes Ende
Vom Fressen,Verraten und Umbringen

Es woa emool ean Foks, dea wollt e Huingel freasse.
Äawwa doas Huingel wollt nit gefreasse wean.
Do säät doas Huingel deam Foks, he sillt´n aal Giggel freasse.
Dea wea suwisuu baal droo.
Do moschd sisch dea Foks noom Giggel.
Wäi dea Foks baim Giggel woa un den freasse wollt, froot dea Giggel den Foks, worim deere da nit däi Gense freasse?
He wea´s Leewe lang nua hinnan Hoinga häargelaafe un dobai su dorr woan, wäi nirremool e Gebinsche Schdruh gesai kinnt.
O eam wea näad ze freasse, nua Fearran un Knoche.
Do moschd sisch dea Foks bai de Gense.
Däi sääre äawwa, he sillt doch nochemool of Kreastdoag werrakomme, da wean se da aach odlisch fätte un goa noch ze broore.
He sillt sisch doch de Däwwe lange, wann he doch suu´n uhflerischde Hunga hät.
Däi Däwwe wean zöu näat göut, nua zöum Freasse.
Do schdäig dea Foks noon Däwwe nof.
Däi Däwwe äawwa flooche fut un räife, he sillt sisch doch doas Huingel lange.
Do sucht dea Foks werra doas Huingel.
Doas Huingel woa äawwa näad mi do.
Doas hat de Giggel duutgepekt.
Wail doas Huingel deam Giggel de Foks geschischd hat.
Ai wäi kunnt dea Giggel doas da wesse? - froot sisch dea Foks.
Doas woan däi Däwwe.
Däi Däwwe harre´s deam Giggel heannerim faroore.
Do sucht dea Foks werra den Giggel.
Dea Giggel woa äawwa näad mi do.
Den harre de Gense ih´n Wassagroawe geschdumbd un äasoffe.
Wail dea Giggel den Gense de Foks geschischd hat.
Ai wäi kunnte däi Gense doas da wesse? - froot sisch dea Foks.
Doas woan däi Däwwe.
Däi Däwwe harre´s den Gense heannerim faroore.
Do sucht dea Foks werra de Gense.
Däi Gense woan äawwa näad mi do.
Däi harre de Däwwe fo uuwe bes unne häa zöugescheasse un ärschdiggd.
Wail de Gense den Däwwe de Foks geschischd harre.
Do sucht dea Foks werra de Däwwe.
Däi woan äawwa werramool futgeflooche.
Doas erjate den Foks.
Su´e Imbrengerai woa jo keam foom Nodse.
Un do kreescht dea Foks ean Rappel, bäis sisch in äjene Ärsch, un frass sisch fo heanne häa sealbsd of, bes näad mi foo´m do woa.
Nua sai Mäal, doas bläib foo´m laije.
Es kunnt sisch jo aach schlaascht noch sealbsd gefreasse.


Noogugge - Nachschauen

Diese Fabel steht in der literarischen Tradition des Epos von Reynke de Vos aus dem 16. Jahrhundert. Mit Goethes Versepos wurde der Name Reineke Fuchs literarisch eta-
bliert. In dieser oben dargestellten Fabel erwischt es nun den Fuchs selbst. Durch die Hin-
terlist der Tauben und durch Intrigen wie Verrat des Federviehs, die von ihm stammen könnten, kommt er nun zu Tode, indem er sich selbst auffrisst. Ähnlichkeiten mit leben-
den Personen oder politischen Verhältnissen im dörflichen Umfeld des Autors sind nicht ausgeschlossen, wenn auch nicht beabsichtigt.

Huschemool - Das hörende Schraiben
Anmärkungen aus der Wärkstatt

Füa das Schraiben im Dialäkt gälten diesälben ästhetischen und allge-
mainen literarischen Maßstäbe wie in der Schdandardschbrache. Der Dialäktautoa hat jedoch aine Beson-
dahait zu berücksichtigen. Ea muss in jedem Akt des Schraibprozässes aine in der Regel nua geschbroch-
ene Schbrache färschriftlischen.
Diese Kunst untaschaidet ien vom schdandardsprachlischen Autoa und hebt ien härfoa. Sie ist zugleich sain

Im feinsten "Frankfurterisch" ( Neuhessisch ): Rudi Arndt (1927 - 2004) im Gespräch.                                                                                                                           künstlarisches Gwalitätsmärkmal, und dieses Gwalitätsmärkmal besteht unter anderäm darin, möglischst nahe dea Lautgestalt des Dialäktes aine Schraibweise zu finden, die dem Lesa färständlisch wie auch dem Dialäkt gerächt wird.

Schraiben ist Arbait am Woat, dänn man muss in das Woat hörend schraiben, und je gründlicha dies ein Autoa färmag, umso höha ist saine Kunstfärtischkait. Es geht darum, den Klang und dässen Lautgestalt in dea Schrift annähand sichtba und im innärän Hören des Lesas ärleba zu machen, sowait dies mit 26 Buchschdaben möglisch ist. Dea Dialäkt ist oft konkreta und differänziata als die noarmierte Schdandardschbrache.

            Der Dialekt "ist die Sprache des unmittelbar, sinnlichen
            Raumes und reich an expressiven und anschaulichen Aus-
            drücken. Der präg
nanteste Unterschied zwischen dem
            Dialekt und dem Hochdeutschen liegt im Wesen des Dialektes
            als einer gesprochenen Sprache und in der Fixierung des
            Hochdeutschen als einer Schriftsprache. Der Dialekt geht un-
            mittelbar von Mensch zu Mensch und das Hochdeutsche
            läuft in eine vorgeschriebene Richtung." 

   
            Regina Klein, In der Zwischenzeit, Psychosozial-Verlag, Gießen 2003.

Fiele traditjonälle Haimatdichta, die füa sich in Anschbruch nehmen, ieren Dialäkt in Fär-
sen und Schbrüchen wie romantischen Schrullen, Anäkdoten, Widszen und Schwänken aufschraiben zu müssen und als haimatliches Kultuagut bewaren und an die Nachgeboa-
nen waitageben zu wollen, schänken diesem sich wächselsaitig follziehendem Foagang wenig bis ga kaine Beachdung. Iere Schraibwaisen sind mit dea Foawägnahme auf schdan-
dardschbrachlich geprägte Lesa stets am Duden als "orthographisches Regelwerk" aus-
gerichtet, nicht aber an der "authentischen Lautgestalt" des jewailigen Dialäktes.

Die gebotene Möglischkait, nicht nua Sprachbarrjeren auf den Kopf zu ställen, diese lite-
rarisch wie lautgestalterisch zu nutzen ( Josef Berlinger ), wird färsäumt. So kommt es, dass des Haimatdichtas Dialäkt sälbst nicht mea übatragen wird, was ja doch die ur-
schbrünglische Absicht gewesen war, sondan dea Lesa übanimmt aine iem geschmai-
digere Foam des Täxtes, dea dem originalen Dialäkt nicht mea äntschbricht, demnach in Foam und Inhalt das Wärk sich foanehm ins Hochdoitsche schlaischt und zu guta Lätzt in das Gegentail kommt: In die literarische Färblödung des Dialäktes, in ain klang- und schdimmloses Rauschen und somit ins kultuarälle Absaits.

         

Hessisch - gibt es nicht
Anmerkungen zu den Dialekten in Hessen

Hessisch, als gemeinsames sprachliches Merkmal aller Hessen, gibt es nicht. Der weit-
hin als Hessisch verstandene Dialekt entspricht dem Sprach-
gebrauch des Südhessischen im Rhein-Main-Raum. Ein rheinfränk-
ischer Mischdialekt, der unter Dialektologen heute als Neuhes-
sisch
und spöttisch als RMV-

Eingangshalle Buchmesse Frankfurt.

Deutsch * ) diskutiert wird. Aufgrund der wirtschaftlichen, kulturellen und medialen Domi-
nanz in der Rundfunk- und Fernsehunterhaltung wurde dieser Dialekt jedoch einzig als das Hessische im öffentlichen Bewusstsein etabliert. Aus Sicht der Dialektologie und der Sprachgeschichte ein Irrtum. Und selbst Wolf Schmidt, Autor und Protagonist der "Familie Hesselbach", gebürtiger Friedberger und Wetterauer, beschrieb den Dialekt seiner Kult-
Serie im HR-Fernsehen einst als "Kompromiss-Hessisch."

Nach dem Tode von Philipp dem Großmütigen ( 1504 - 1567 ) gingen die Hessen im s.g. Erbfolgestreit früh kulturell eigenständige Wege.** ) Die politischen und kulturellen Pro-
vinzen bildeten regional geschlossene Einheiten, deren sprachliche Grenzen mit Aus-
nahmen der Arbeitsmigration von Knechten und Mägden und späteren Fabrikarbeitern in den industriellen Zentren in der Regel nicht überschritten wurden, was zur Verfestigung der kleinräumigen Sprachlandschaften und Ortsdialekten führte.

Eine besondere Bedeutung in der kulturellen Entwicklung Hessens kam dem Zuzug der Ende des 17. Jahrhunderts aus Frankreich vertriebenen protestantischen Hugenotten und Waldensern zu. Hessen wurde ein Einwanderungsland für religiös und politisch Verfolgte. Es kam zu Neugründungen zahlreicher Städte und Dörfer in den Provinzen Hessens und zur dialektalen Übernahme zahlreicher Lehnwörter aus dem Französischen - wie zuvor aus dem Jiddischen - in die hessischen Dialekte.

Die Dialekte in Hessen gliedern sich in vier stark voneinander abweichende Kernbereiche mit fließenden Übergängen und Mischdialekten. Sie zählen zu den westmitteldeutschen-
fränkischen Sprachgruppen. Die Unterschiede in dieser in Hessen stark zerklüfteten und komplexen Sprachlandschaft sind indessen größer als ihre sprachlichen Gemeinsam-
keiten, wenn auch angesichts der modernen Verkehrsbeziehungen sowie der Veränderung- en in der Arbeits- und Lebenswelt in den ländlichen Räumen diese Mundarten regionalen Angleichungsprozessen unterworfen sind. Und dort, wo man das Hessische in seinem Kernland, etwa dem Schwalm-Eder-Kreis, eigens zu lokalisieren hätte, wird zum überwie-
genden Anteil Hochdeutsch gesprochen.

Die überlieferten hessischen Dialekte, wie sie in der konservativen Traditionspflege und
im lokalen Brauchtum noch dargestellt werden, haben ihren Verkehrswert bereits mit der Industriealisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der damit einhergehenden Mobiltät wie den wirtschaftlichen Wanderungsbewegungen und der Arbeitsmigration in die Zentren verloren. Bedingt durch den ländlichen Strukturwandel, den Veränderungen in der Lebens- und Arbeitswelt dörflicher Kultur wurden in den 60-iger Jahren diese Dialekte zusätzllich bedrängt und teilweise aufgegeben. Außerhalb der kleinräumigen und oft ortsgebundenen Sprachgemeinschaften waren und sind diese Dialekte nicht mehr kommunizierbar und im öffentlichen Leben auf regionale Ausgleichsformen angewiesen. Sie dienen nur noch als Sprachen des lokalen Nahbereichs (siehe oben).

                   Was ist ein Dialekt oder eine Mundart?

                   Ein Dialekt oder eine "Mundart ist stets eine der Schriftsprache
                   vorausgehende, örtlich gebundene, auf mündliche Realisierung
                   bedachte und vor allem die natürlichen alltäglichen Lebensbereichen
                   einbeziehende Redeweise, die nach eigenen, im Verlaufe der
                   (Sprach)-Geschichte durch nachbarmundartliche und hochsprach-
                   liche Einflüsse entwickelnden Sprachnormen von einem großen
                   heimatgebundenen Personenkreis in bestimmten Sprechsituationen
                   gesprochen wird."
                              
                   Bernhard Sowinski, Grundlagen des Studiums der Germanistik,
                   Teil:1, Sprachwissenschaft, Köln/Wien 1970. Zitiert nach Wolfgang
                   Näser, Marburg, Deutsche Dialekte, ein praktischer Versuch.
                

Im Norden und im Nordwesten Hessens wurde und wird Niederdeutsch, Niederhessisch bzw. Plattdeutsch gesprochen, im Nordosten ostfränkisch und thüringisch, wobei im Norden der Dialekgebrauch im Alltag nahezu verschwunden ist. Im Süden herrschen rheinhessische wie südhessische (rheinränkische) Dialekte vor. Im Zentrum, Mittelhessen und Vogelsberg, bestimmen s.g. oberhessische Zungenschläge den Alltag. Die angrenzen- den Rhöner Dialekte im Osten wie auch die Odenwälder Dialekte tief im Süden weisen noch einmal eigene Lautformen auf, so auch die Hessen-Nassauischen Dialekte wie die Dialekte in Teilen des Westerwaldes.

Heute bewegen sich alle Dialektsprecher bilingual je nach Erfordernis auf situations-
spezifischen und wechselnden Sprachebenen zwischen Hochdeutsch und primär erwor-
benen Dialekten im Sinne eines Code-Switchings. Es enststehen, nicht nur in Hessen, eigenständige und moderne Regionalsprachen mit eigenen und neuen Lautgestalten aus vorausgegangenen Formen in sprachlichen Angleichungen der Gegenwartssprachen, die einen neuen Regiolekt wie neue kulturelle Identifikationsmerkmale stiften können, so im Rhein-Main-Zentrum am Beispiel des Neuhessischen.


Hinterländer Platt


Das Hinterländer Platt, wie es hier im Ortsdialekt von Gönnern vertreten wird, gehört zu den älteren Dialekten des Mittelhessischen ( Zentralhessisch ). Es ist eine noch altertümliche Mundart, deren Strukturen aus dem Althochdeutschen ableitbar sind und deren aktuelles Lautsystem mit dem Mittelhochdeutschen korrespondiert. So wird beispielsweise aus dem althochdeutschen "bruodar" > "brourer" > "bröura" = hochdeutsch "Bruder".  Ebenso der Wandel von "liob" > "läib" = hochdeutsch "lieb".  

Charakteristisch für viele dieser mittelhessischen Dialekte ist das mit der Zunge an den Gaumen gedrückte und gerollte retroflexe "r" in der Aussprache. Weitere Merkmale sind die gestürzten Diphthonge und Rhotazismen ( Beispiele siehe oben): uo > ou, Bruder > Brourer, Bröura / müde > moid, moire / d/t > r hatte > harre / geladen > geloare / wieder > wirrer, werrer, werra / Wetter > Wearrer, Wearra / Wetterau > Wearrerau, Wearrera ).

Gesprochen wird diese Mundart noch im Raum Biedenkopf, dem Hessischen Hinterland, und in ähnlichen Lautformen entlang der Lahn wie im Vogelsberg, im alten Oberhessen, das verwaltungspolitisch mit dem heutigen Regierungsbezirk Mittelhessen teilweise ident-
isch ist und im Sprachgebrauch noch synonym verwandt wird.

Sollten Sie mit diesen Dialekten nicht sogleich vertraut werden, so üben Sie sich in dem gedanklichen Behelf, als führten Sie beim Sprechen zugleich eine Kanne Murmelsteine im Maule mit sich. Interessierte an den Dialekten in Hessen sind hier an die Sprachwissen-
schaften verwiesen, insbesondere an die Arbeitsstelle Sprache in Hessen an der Mar-
burger Philipps-Universität. Dort finden sie das alles viel gescheiter aufgeschrieben als es hier in wenigen Zeilen darstellbar ist ( vgl. hierzu auch W. Näser / H.J. Dingeldein ).

* ) Der spöttische Begriff RMV-Deutsch bezieht sich auf das Einzugsgebiet des Rhein-
Main-Verkehrsverbundes, demnach Dialekte als sprachliche Alltags-Kulturträger sich historisch entlang den tatsächlichen Verkehrs-, Wirtschafts- und Lebensbeziehungen der Menschen und deren jeweils besonderen regional-kulturellen wie eigenständigen Entwick-
lungen ausbilden. So ist das Neuhessische im Rhein-Main-Raum nahezu identisch mit den Verkehrsachsen des Rhein-Main-Verkehrsverbundes. Es umfasst derzeit in etwa ein Ge-
biet
von Bad Homburg bis Darmstadt und von Gießen wie Friedberg in der Wetterau bis Mainz, wobei in der südlichen Wetterau das einst bestimmende Oberhessische in seiner Wetterauer Prägung nahezu in das Neuhessische aufgegangen und ausgestorben ist.

** ) Hessens Linien teilten sich auf in Hessen-Kassel, Hessen-Marburg, Hessen-Rheinfels und Hessen-Darmstadt. Hessen-Kassel und Hessen-Marburg wurden 1866 zur preußischen Provinz Hessen-Nassau. Hessen-Darmstadt und Hessen-Rheinfels bildeten das Großher-
zogtum Hessen. Das heutige Bundesland Hessen wurde per Proklamation im September 1945 von General Eisenhower ungeachtet der territorialen, kulturellen und historischen Be-
sonderheiten Hessens als neues politisches Staatsgebilde mit Regierungssitz in Wies-
baden geschaffen.




 
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